Dienstag, 20. Oktober

Je mehr eine Seele in die Haltung des Seva eintaucht, desto mehr berührt sie Svarup Sakti, die Offenbarungskraft Gottes. Darin liegt natürlich eine ungeheure Freude. Aber der Fokus der Seele ist nicht auf diese Freude gerichtet, sondern nur auf das Dienen und die Erfreuung Gottes selber. Da nun die Freudensymptome der fortgeschrittenen Seele effektiv einschränkend wirken auf das Ausüben des Seva, beginnt die Seele mehr und mehr zu denken, dass sie gar nicht wirklich zu dienen im Stande sei.
Je näher man zu dem unbegrenzten Heiligen gelangt, desto mehr hat man das Gefühl, noch so weit von ihm entfernt zu sein….da Bhakti immer in vergrösserte Demut führt, aus welcher jeweils immer wieder ein intensiverer Durst zu dienen und lieben geboren wird.

Montag, 19. Oktober

In Srila Rupa Goswamis Padyavali spricht Krishna in einem wunderschönen Vers zu seinem Freund Sudama:
„O mein Freund, bitte gehe nicht von hier weg.“ Wenn ich dies sagen würde, wären diese Worte unglücksverheissend für deine Reise. Wenn ich dir aber sagen würde: „Ja, ziehe doch los“, dann würde diese Worte meine Zuneigung zu dir nicht reflektieren.
Wenn ich dir sagen würde: „Bleibe hier“, wäre das ein Befehl, wie er von einem Meister an seinen Diener gerichtet wird und dies beschreibt niemals unsere Beziehung. Doch wenn ich sagen würde: „Du kannst nun tun, was immer dir beliebt“, dann würde ich dir gegenüber indifferent scheinen.
Krishna sagt nun zu Subal mit tränenden Augen:
„Mein lieber Freund, ich spreche nun einfach aus meinem Herzen zu dir. Die Worte, die ich dir mitgeben möchte sind: „Bitte erinnere dich auch an mich mit Liebe und Zuneigung bis die Zeit unseres Wiedersehens wiederkommt.“

Gaurasundars Liebe zur Seele ist einfach eindringlich… und provoziert eine Reaktion.

Sonntag, 18. Oktober

Es gibt Menschen, die den Weg zu Radha-Krishna hin in einer ungeheuren Verbissenheit gehen. Diese hat ihren Ursprung, wenn man sein eigenes Leben noch nicht freudig versöhnend angenommen hat und die meditative Praxis als Fluchtmöglichkeit, dem eigenen Leben zu entgehen, versteht.
Der bevorstehende Tod und die erkannte Seltenheit, als Mensch Zugang zum heiligen Gottesweg zu erhalten, erzeugt einen Druck, die Gnade Gottes nicht verpassen zu dürfen.

Es ist zu empfehlen, sich die verschiedenen Handlungsoptionen vor sich auszubreiten und diejenige, die am meisten Angst auslöst, weiter zu verfolgen. Dieser Spur der eigenen Ängstlichkeit zu folgen ist ein direkter Weg, ihre Substanzlosigkeit zu erfahren.
Die Hinwendung zu Gott ohne Angstgerüste lässt immer auch die Verbissenheit überflüssig werden.

Samstag, 17. Oktober

Paradoxerweise ist die einfachste Art, eine Verbindung zu Radha-Krishna zu erfühlen, die Wahrnehmung, wie sehr wir doch von Ihnen entfernt sind. Unabhängig auf welcher Entwicklungsstufe des inneren Lebens wir uns gerade befinden, stellt das Weinen und Rufen nach Ihnen – dass wir Sie vermissen und an der mangelnden Beziehung zu Ihnen leiden – den Weg dar, ihre Gegenwart wieder wahrzunehmen.

Freitag, 16. Oktober

Sri Krishna übersprudelt in Wertschätzung zu seinen geliebten Bhaktas:
„Meine Geweihten schenken die göttlichen Augen, durch die man mich zu sehen vermag, während die Sonne nur äussere Sicht ermöglicht und dies auch nur während der Tageszeit.
Meine Geweihten sind die eigentlichen verehrenswürdigen Gottheiten und die wirkliche Familie. Sie sind einem näher als das eigene Selbst und sie sind als nicht verschieden von mir selber zu betrachten.“ (Bhagavatam 11.26.34)
In ihrer Nähe wird man mit ihrer Gottesliebe angesteckt und erst mit Bhakti beginnt die Seele Radha-Krishna wahrzunehmen.

Donnerstag, 15. Oktober

Kann man bei einem völlig selbstverwirklichten Weisheitslehrer von Unfehlbarkeit ausgehen?

Unfehlbarkeit setzt Allwissenheit voraus und dieser Begriff ist gemäss Vedanta nur Gottes würdig und nur auf ihn zutreffend. Diesen auf Menschen zu übertragen zeugt von naiven Vorstellungen, die vielleicht ein Kind betreffend seines Vaters hat.
Om Parkin schildert, wie es ihn irritierte, als er als Jugendlicher einem weisen Schamanen begegnete, der aber an Katzenhaar-Allergie litt.
Die Verwirrung rührte daher, dass ein erleuchteter Lehrer in seinen Augen keinerlei Krankheiten oder Makel haben könnte oder dürfte. Er schrieb, wie er dazumal in der psychosomatischen Denkwelt gefangen war und dieses kindliche Verständnis von Unfehlbarkeit und Fehlerlosigkeit in sich trug.
Die Unfehlbarkeit bezieht sich auf die Reinheit der Motivation im Dienste zu Radha-Krishna, die eine verwirklichte Seele kennzeichnet. Diese ist frei von jeglichen Verschleierungen des denkenden Geistes. Frei von Ideen, Bildern oder emotionaler Einfärbung.
Die Unfehlbarkeit bezieht sich jedoch keineswegs auf die täglichen Dinge, den Umgang mit anderen Mitgeschöpfen oder die äussere Welt.
Wenn also ein Schüler Unfehlbarkeit auf den Lehrer projiziert, dann ist dies nichts anderes als eine Schattenprojektion seines Über-Ichs.

Mittwoch, 14. Oktober

„Selbst wenn es unzählige Begründungen gäbe, die Liebesbande abzubrechen, vermag man es nie zu tun.“
Das ist die Definition von transzendenter und bedingungsloser Gottesliebe, die Srila Rupa Goswami im Bhaktirasamrita Sindhu (1.4.1) gibt. Darin steht nicht die Frage nach dem Eigengewinn an erster Stelle.
Wem sollte ein Weg attraktiv erscheinen, bei dem es erst einmal alles zu verlieren und nichts zu gewinnen gibt? Der reife Schüler erkennt die Gnade des Verlustes. Fast alle Menschen haben viel zu viel zu verlieren. Nur wer nicht mehr zu verlieren hat, kann Freiheit realisieren.

Dienstag, 13. Oktober

Der Tod ist einem zum Feind geworden, denn man hat ja überall um einen herum beobachtet, wie der Tod alle vergänglichen Erscheinungsformen dahinrafft.
Wenn man die Bemühung um Permanenz in der Zeitweiligkeit einstellt, was immer in einen Zustand umfassendster Gelassenheit führt, betrachtet man den Tod von Angesucht zu Angesicht und erkennt, dass er nicht alles Leben vernichten will, sondern dass es seine Aufgabe ist, die Anhaftung an vergängliches Leben sterben zu lassen, um damit die Wachheit zum wirklichen Leben als Seele zu schenken.

Montag, 12. Oktober

Jeder Schüler wird an Grenzen stossen.
Der Geist denkt, er könne diese Grenzkonfrontationen umgehen, in dem man zu einem anderen Lehrer flüchtet. So setzen im Schüler Suchbewegungen nach einem anderen Lehrer ein, der vielleicht „eine sanftere Persönlichkeit“, der „weiblicher“ oder auf jeden Fall „anders“ ist. Alle Begründungen, die der Geist liefert, sind verblümte Umschreibungen der einen Botschaft: „Ich will, dass der Lehrer es mich auf meine Weise lehrt.“
Das Ego hält den Lehrer tatsächlich noch für seinen Diener.
„Es hat auf meine Weise zu geschehen“, spricht das Ich immer dann, wenn es androht, dass es die Kontrolle über seine kleine Welt verliert.
Der Schüler versteht nicht, dass er letztlich keine Wahl hat. Man wird früher oder später mit jedem Lehrer an die gleiche Grenze stossen. Und wenn es später ist, wird es nicht leichter sein. Im Gegenteil. Eine innere Grenze erhält jedes Mal zusätzliche Macht, wenn sie auftaucht und der Schüler vor ihr flüchtet.

Sonntag, 11. Oktober

Als Gangaji aus Lucknow, wo sie bei Papaji längere Zeit verbrachte, in die USA zurückkehrte, reagierten die alten Freunde eher belächelnd, als ihre „Toni“, so nannten sie sie, nun plötzlich Satsangs hielt. Sie glaubten, es sei „Toni“, die jetzt etwas erkannt habe, in Indien ein bisschen weiser geworden wäre und nun Satsangs geben würde. Sie glaubten, es handle sich um die alte Person, die sie kannten. Sie sah ja schliesslich noch genauso aus.
Für einen Menschen der nur mit äusseren Augen sehen kann, bleibt der spirituelle Lehrer unsichtbar. Der Guru ist jemand anders als die äusserlich wahrnehmbare Persönlichkeit.

Wir werden auch das Interesse verlieren an allen Begegnungen der Vergangenheit…