Mittwoch, 30. September

„Fabeln sollten als Fabeln gelehrt werden.
Mythen als Mythen und Wunder als poetische Fantasien.
Das Schrecklichste ist es, wenn man Aberglauben als Wahrheit darlegt.“
Hypatia – eine der erstaunlichsten Frauen, die genau vor 1600 Jahren auf dem Altar einer Kirche als Ungläubige getötet wurde.

Der kindische Geist nimmt Aberglauben schnell an und wird mit Verbissenheit an ihm festhalten.
Das lateinische Wort „superstitio“ (über / stehen) meint, dass man über das Wahre ein Verständnis darüber legt, das nichts mehr mit dem Eigentlichkeit des Gotteszuganges zu tun hat, das aber noch immer für dieses gehalten wird. Die Verwechslung des Überbaus (super-stitio) mit dem eigentlichen Gotteszugang ist Ausdruck von Aberglauben.
Jede spirituelle Tradition im Sinne von Transzendenzbezug hat sich verstrickt mit kumulativer Tradition, in dem eben dem Überbau der confessio Wertgehalt zugesprochen wird. Der klare Wahrheitsforscher entstrickt die vielen abergläubischen Tendenzen aus dem Geflecht des Glaubens.

Dienstag, 29. September

O mein Herr, wenn du magst, kannst du mich zum Weltenherrscher machen oder mich gänzlich besitzlos halten lassen. Wie es dir beliebt. Du kannst mir grosse Ehre zukommen lassen, oder auch Beschämung, Demütigung und Kränkung. Ich blicke einfach nur auf dich und liebe dich als Geber in beidem genau gleich. Du kannst mir ewige Residenz in der spirituellen Welt geben oder mich in niedere Welten verbannen.
Bitte wisse einfach, dass du unabhängig deiner Behandlung von mir meinen einzigen Wert und meine einzige Zuflucht bleibst.

Die Bedingungslosigkeit und das unerschütterliche Vertrauen im Gottesverhältnis sind für die Seele natürlich und das bewusste Annehmen derer lässt die Ahnung gebären, wie nahe Radha-Krishna eigentlich an uns sind.

Montag, 28. September

“Das Höchste Selbst kann nie erlangt werden durch Argumentation oder gelehrte Vorträge und Erklärungen, noch wird Er erreicht durch eigene Brillanz, durch Intelligenz und Vorstellungskraft, oder durch das Studieren vieler Schriften. Nur derjenige kann dieses höchste Selbst erreichen, welcher von diesem höchsten Selbst ausgesucht wird. Einer solchen Person offenbart Er seine wahre, ewige personale Gestalt.“ (Mundaka Upanisad 3.2.3)
Kein Mass an Studium, Reflektion oder Nachforschung vermag die absolute Wirklichkeit zu erfassen. Sie wird einem verschlossen bleiben.
Wenn Bhaktas nun studieren und sich in Texte vertiefen, dann ist dies nicht jnana-prayasa (Bhagavatam 10.14.3), die Bemühung, das Heilige eigenständig erfassen zu wollen. Es ist nur Ausdruck der Aufrichtigkeit, Radha-Krishna wirklich begegnen zu wollen. Es ist zudem die eigene Vorbereitung, Radha-Krishna in einer würdigen Haltung zu empfangen.
Der Bhakta nimmt das Buch an seinen Kopf und betet: „Du bist nicht ein Buch, sondern die kondensierte Bhava vom Herzen von (Name des Autors). Bitte regne deinen Segen auf mich herab, damit ich das höre, was du mir persönlich sagen möchtest.
Ich sitze nun zu deinen Füssen und möchte von dir alles erlernen und mich von dir formen lassen.“

Sonntag, 27. September

Der Vormund ist jemand, der einem vor dem Mund sitzt und das Sprechen für einem übernimmt. Spirituelle Bevormundung bedeutet, dass man nur noch andere zitiert (die Schriften sagen, Prabhupada hat gesagt…).
Der Mangel an Eigenerfahrung versucht sich selber Gewissheit zu verschaffen in der Übernahme von secound-hand Wahrheit.
Ich bin gerade in Indien und beobachte sehr genau, wie unter der Vermittlung der Glaubensinhalte eigentlich das Übernehmen von ideologischen Gerüsten verstanden wird. Das ist Indoktrination und steht genau im Gegensatz zur Wahrheitssuche, welche nicht Konformität erwartet, sondern nur das Echo im eigenen Innersten anstrebt.

Samstag, 26. September

„he Bhagavan, deine Geweihten betrachten einen Ozean als eine kleine Hand voll Wasser, die Sonne als ein Leuchtkäferchen, die gewaltigen Berge als ein Häufchen Sand, die grossen Weltherrscher als gewöhnliche Arbeiter, die Cintamani Juwelen als normale Steinchen, ein wunscherfüllender Baum als ein kleiner vertrockneter Ast und die gesamte materielle Welt als einfach nur einen Heuhaufen.

Der verlockenden Buntheit der Welt liegt eine dahinterliegende Einheit zugrunde – deine wunderschöne Gestalt, nach welcher sie sich sehnen.“ (Padyavali 56)
Der Weg zu Gott braucht nicht steinig und endlos mühevoll zu sein, sondern entsteht und offenbart sich schrittweise aus dem Staunen vor dem wirklich Grossen heraus.

Freitag, 25. September

Wir alle kommen völlig besitzlos in diese Welt hinein und scheiden wieder aus ihr heraus entbehrt von allem Eigentum. Doch die Zeit dazwischen verbringen wir verbissen damit, Dinge in den Einflussbereich unseres Besitztums hinein zu scheffeln.
Die Erkenntnis dieser Fragwürdigkeit darf einem auf der anderen Seite aber nicht in die Lethargie abzugleiten lassen. Doch die Simplizität und Reduktion auf das wirklich notwendige, Körper und Seele zusammen zu halten, schenkt einem inneren Freiraum für die Seele. Die Lebensenergie, welche durch die Einfachheit gespart wird, darf nun eingesetzt werden zur Erfreuung des göttlichen Paares. Radha und Krishna.

Die ökonomische Grundlage zum Überleben zu beschaffen ist eigentlich nicht ein leben-füllendes Unternehmen, sondern eine Nebensächlichkeit, die unsere eigentliche Lebensaufgabe nicht wesentlich tangiert oder einschränkt. Sie ist im Gegenteil ein aktives Feld, in welchem die Bestandhaftigkeit unserer Spiritualität getestet wird.

Donnerstag, 24. September

„Der leuchtende Sri Krishna ist der Ursprung von allen Oplulenzen aus Billionen von Universen ist und alle Lebewesen gehen von ihm aus. Dieser Sri Krishna ist nun persönlich in dieser Welt erschienen in der Gestalt seines heiligen Namens Diesem Namen gilt meine gesamte Aufmerksamkeit und Liebe, er ist das Ziel meines Lebens und gleichzeitig stellt er den Weg dar, ihn zu erlangen. Diesem Namen zu begegnen stellt mein Lebensinhalt dar.“
Padyavali (Vers 23)

„Schenke mir die gleiche Anhaftung zu deinen Namen, wie sie ein Weltmensch für seine Kinder und Enkel hat.“ (Padyavali 33)
Die Kraft, die einem zur natürlichen Anziehung an weltliche Gegenstände hindrängt, ist in ihrem Ursprung eigentlich die spirituelle Sehnsucht. Deshalb braucht die Anhaftungskraft nicht bekämpft oder unterdrückt zu werden, sondern nur um ihr eigentliches Zielobjekt erweitert werden: um die heiligen Namen von Radha und Krishna.

Mittwoch, 23. September

Einem Sadhu und Krishna kann man nicht Spenden geben. Denn es würde bedeuten, dass ich etwas besässe, was sie nicht haben und ich ihnen dies als meinen Gnadenakt übergebe.
Wenn man heiligen und im selbst zufriedenen Persönlichkeiten etwas schenkt, nennt man dies „Pranami“. Unter dem Einfluss grosser Täuschung glaubt eine Seele, ihr würde etwas gehören. („Pra“ bedeutet „auf wundervolle Weise“, „na“ – „aufgeben“, „ma“ – „das Konzept von ich und mein“)
Diesen Anspruch, irgend etwas in der Schöpfung sein eigen zu nennen, darf abgelegt werden. Symbolisch ausgedrückt durch eine Gabe. Die heiligen Empfänger sind keine bedürftigen Wesen. Im Geben wird die eigentliche Last in uns entfernt – dieses Ich- und Mein-Gefühl, mit dem man bisher durch die Schöpfung stolzierte und

Dienstag, 22. September

Wenn Shankara im „Viveka chudamani“ den „childlike mind“ als eine der wesentlichsten Tugenden des Aspiranten auf dem Befreiungsweg nennt, so bezieht er sich natürlich nicht auf den mentalen Zustand eines Kleinkindes. Das Kind sowie der Erwachte leben im Augenblick, sind unkontrolliert, höchst vital, spontan und offenen Geistes. Beide sind sie spielerisch, unbeschwert, ohne Sorge und ohne Schuld. Beide sind sie ohne Ich-Geist. Während das Kind die Entwicklung des denkenden Geistes noch vor sich hat, hat ihn der Erwachte hinter sich. Sie weisen eine Ähnlichkeit auf und sind dennoch unendlich weit voneinander entfernt.
Das ist die heilige Unvoreingenommenheit, welche nicht mehr ein Ich mit seiner abgesteckten Welt als Referenzpunkt nimmt, vermag erst die innere Empfänglichkeit aufzubringen, die notwendig ist, um sich effektiv selber zu überwinden.

Montag, 21. September

Bei jedem Gebet für andere bedarf es einer eigenen inneren Grundeinstellung:
In der Adressierung Gottes beginnt immer eine Segenskraft zu fliessen.
Aber ob das Gebet unserer Absicht entsprechend Resultate bringt oder gänzlich andere, legen wir immer gänzlich in Ihre Hände.
Dann wird jeder Betende einem Aufrichtigkeitstest unterzogen: bleibt man genau gleich erfüllt und glückselig, wenn alles dann ganz anders verläuft? Das bedeutet, dass das Gebet vom Prinzip her auf die Einwilligung in Ihre Führung hinzielte. Es wurde dann nicht einfach nur als magische Möglichkeit verstanden, das Eigenbegehren durchzudrücken.