Donnerstag, 9. Juli

In der Antike wurde Arbeit nur als blosse Notwendigkeit verstanden. Sie hatte keine eigene Würde. Yoga bedeutet, dass Arbeit genauso geadelt wird wie alles im Leben. Alles im Leben darf eingebettet werden in den inneren Weg. Arbeit kann zu einer Darbringung an Gott werden, und kann sogar Lobpreis sein. Das ist das Tun, welches nicht mehr zielgerichtet ist und als Gegenstück zur Freizeit verstanden wird, sondern nur freudvoller Ausdruck dessen, so einen wunderbaren Herrn zu haben (Caitanya Caritamrita 2.1.206)

Mittwoch, 8. Juli

Eine Anmaßung, ein freches über die engen Grenzen sich erhebendes Aufbegehren. Ein Protest, eine Unverfrorenheit, ein mit spitzen Lippen gezischeltes „Das reicht mir nicht. Es muss noch mehr sein.“ Die Anmaßung ist doch eine ganz heilige Angelegenheit, weil sie den Sperrbezirk des Geworfen- und Gewordenseins überschreiten will.

Dienstag, 7. Juli

Wenn Sri Guru in der Öffentlichkeit alle einladen würde: „Kommt, der Pfad der Freiheit ist für alle da“, würden dennoch nur wenige hinkommen. Nur Wenige wären interessiert. Warum überhören sie das? Dieser Geist hat kein vollständiges Interesse nach Freiheit und nach der Heimkehr und er hat Anteile, die sich dagegen wehren.
Ihnen gilt es ins Auge zu schauen, um sich dann dieser Sehnsucht nach Weite anzuvertrauen, die wie ein natürlicher Sog nach Innen wirkt.
Man braucht die Sehnsucht nicht künstlich anzufeuern und aufzustacheln, sondern einfach nur still bei ihr bleiben. Genau im Versuch, bei ihr zu sein, erkennt man die Gegenkräfte, die einem wegziehen möchten. Die giftigste aller Gegenkräfte ist die Vergessenheit.

Sonntag, 5. Juli

Abschied ist in jedem einzelnen Augenblick. Der vergangene Atemzug ist für immer vorbei. Wir sind auf einer Lebensreise mit kurzen flüchtigen Begegnungen (Freunde, Familie), aber der Zeitstrom reisst einem immer weiter.
Wir verabschieden uns von dem, was uns auf der Reise kurz lieb geworden ist: Menschen, Gewohnheiten und das eigene Leben.
So sagen wir „adieu“, „tschüss“, „adios“ zu allem. All diesen Abschiedsworten liegt das lateinische Wort „ad deum“ zugrunde – „Auf Gott hinzu“.
Das sind eigentlich keine Abschiedsformeln, sondern kurze Segnungen, die den Alltag unterbrechen

Samstag, 4. Juli

Der Heilsweg beinhaltet zwei Wegabschnitte. Der erste ist der Weg der Erfüllung, in welchem man sich freut über geheilte Organe und gelungene Beziehungen. Man hielt den Glauben aufrecht, dass Zufriedenheit doch noch eintreten könne durch geschicktere Zurechtbiegung von äusseren Zuständen.
Die wache Aufmerksamkeit wird aber gleich bemerken, dass eigentlich noch nichts behoben ist, wenn man versucht, Nöte zu kurieren. Selbst dann nicht, wenn alles sich gerade ungeheuer idyllisch anmutet. Noch immer schlummert das gleiche Drama ganz nah bei einem. Die Seele spürt, dass auch in verbesserten äusseren Zuständen der heilige Trennungsschmerz zu Radha-Krishna exakt gleich geblieben ist.
Dann beginnt der Weg der Entleerung, wo die Bereitschaft schlummert, alles zu verlieren. Dieser Weg ist den verstehbaren Regeln des denkenden Geistes nicht mehr nahe.
Der schlafenden Seele ging es nicht um Erwachen aus dem Traum, nicht um Wahrheit, sondern nur noch um die möglichst reibungsarme Funktionalität innerhalb des Traumes.
Das höchste Gut des Menschen liegt nie im Gelingen und perfekteren Arrangierungen, sondern im Korrelieren mit der höheren Ordnung. Mit Radha-Krishnas Absicht.

Freitag, 3. Juli

Wo ist mein Platz, an dem ich dienen darf?
Das Ich will ständig Vorstellungen produzieren, was nun sein eigentlicher Platz sei. Wer sich selber immer den Platz zuweisen möchte, greift ins Leere. Man beobachtet, wie der vom Eigenwillen ergriffene Ort eigentlich ein Daneben-Stehen darstellt. Diese Produktionen sind immer eine Erhöhung oder eine Erniedrigung.
Dieses Wirkungsfeld einem zustellen zu lassen verlangt innere Transparenz und damit Entleerung von allem. Innere Transparenz ist ein Zustand völliger Offenheit für alles, was Er mir zuweisen möchte.

Donnerstag, 2. Juli

Für die Kontemplation bedarf es erst einmal die Regungslosigkeit des Körpers und auch Regungslosigkeit des Emotionalkörpers.
Um diese Aufwühlungen überhaupt erst einmal klar zu erkennen, sind reservierte Zeiten äusserer Stille und Schweigens notwendig.

Mittwoch, 1. Juli

Wir dürfen von der vermeintlichen Vielfalt der Ursachen wieder zur einen Ursache gelangen:
Krishna buli sei jiva… (Caitanya Caritamrita 2.20.117)
„Seit unvorherdenklichen Zeiten vergisst das Lebewesen Sri Krishna und als Folge davon ist die Aufmerksamkeit nur noch auf vergängliche Phänomene gerichtet. Dies ist die Ursache aller Leiden.“
Alle anderen Formen von Gedanken, emotionalen Geschichten und scheinbaren Problemen sind Folgen dieses einen Aktes, der verantwortlich ist für die gesamte Leidensgeschichte des Menschen.
Es gilt, dieses Vergessen-Wollen ganz zu bezeugen und dann fallen zu lassen. Die Arbeit mit den Inhalten des Geistes ist nur eine Krücke, um zu dieser einen Ursache hinzugelangen.

Dienstag, 30. Juni

Der spirituelle und der materielle Liebesgott haben gewisse Ähnlichkeit in der Erscheinung.
„Als Pradyumna wieder nach Dvaraka zurückkehrte (nachdem er Shambara getötet hatte), verwechselten die Königinnen ihn mit Krishna selber.“
(Bhagavatam 10.55.27-28)
Selbst Rukmini selber sah in Pradyumna Ähnlichkeit mit Krishna selber. (10.55.33)
Es ist nicht so einfach, den materiellen Liebesgott und den ewig transzendentalen Liebesgott auseinander zu halten.
Wir denken, romantische Wünsche seien „Liebe“ und verklären weltliche Liebeswünsche als „spirituell“.
Wir denken, dass innerweltliche Liebe sehr erhaben und selbstlos sei. Die Eigensucht weiss sich gut spirituell zu verkaufen.