Donnerstag, 4. Juni

Man spürt, die Angst, entlarvt zu werden.
Wer keine Leiche im Keller vergraben hat, braucht auch keinerlei Entlarvungsangst zu haben. Und wer dort eine Leiche vergraben hält, der sollte dankbar sein, sie endlich ausgegraben wird.
Distanz und Vorsicht sind entschwunden. Nicht als Momentaufnahme, sondern als beständiger Weg.

Mittwoch, 3. Juni

Man zieht es vor, in einem kleinen begrenzten Raum König zu sein, als sich in der Unendlichkeit der Weite zu verlieren.
Dies drückt die Lebenshaltung eines Menschen aus, der die Würde zur Seele verloren hat. Das kleine Herrschertum wird mit Selbstbewusstsein verwechselt.
Man darf die Wandlung vollziehen von dem Beherrscher des winzigen Zwergreiches zu einem spirituellen Bettler, welcher dem Grossen dient.
Das fällt eigentlich niemandem leicht, wenn man nicht in der Gemeinschaft von Bhaktas die erste Vorahnung der Glückseligkeit der Entgrenzung riechen durfte.
Es ist die Wahrnehmung von Herrlichkeit, die nicht mehr die meinige ist.

Dienstag, 2. Juni

Die Imitation von Nicht-Anhaftung ist eine Form der Distanzierung von einem selber und der Unverbindlichkeit zur Welt hin. Es ist ein Ausdruck der eigenen Kontroll-Sucht, um vollständiger Berührung aus dem Weg zu gehen. Denn genau diese Nähe würde diese Kontroll-Instanz gänzlich dahinschmelzen.
Diese Nachahmung ist die Souveränität eines Selbstbildes, welches sich nicht scheut, sogar „spirituelle Eigenschaften“ zu nutze zu machen, um sich selber darzustellen.

Sonntag, 31. Mai

Ein westlicher Schüler fragte einen bekannten indischen Lehrer: „Wer ist eigentlich der Teufel?“ Seine knappe Antwort: „Derjenige, der den Spiegel hält.“
Wer auf den Spiegel schaut, sieht immer nur Abbilder. Die gesamten Bewusstseinsinhalte der meisten Menschen setzten sich aus solchen Spiegelungen zusammen.
„Aussen“ ist eben nicht einfach nur ein anderer Mensch, die Gesellschaft oder die Umwelt. Es ist alle Wahrnehmung, die man im Spiegel erblickt und die keinerlei Verbindung mit der Seele aufweisen.

Wer sich ein Bild macht, verliert die Quelle, aus der das Bild stammt. Man schaut in den Spiegel, aber man glaubt, man würde Realität, das Wahre und Echte, betrachten.
Ein erster wesentlicher Schritt des inneren Weges ist Dhainya, das Eingeständnis, bisher alles falsch wahrgenommen zu haben und nur auf ein Zerrbild des eigenen Geistes geschaut zu haben.
Dieses Bekenntnis, bisher nur auf das Spiegelbild des Geistes geblickt zu haben, erhöht die Aufmerksamkeit in uns drin.
Nicht die Spiegelungen, sondern der Spiegel selbst muss zerstört werden. Dann hat man kein Spiegel mehr, in den man hineinschaut. Was dann bleibt, ist das Sein als Seele selbst.
Wer in Spiegel schaut, sieht nur Abbilder des Seins geschaffen vom eigenen Geist, der selbst das Nichtsein ist.
Dieser Prozess ist so subtil, dass es einen ganz aufmerksamen Menschen bedarf mit grosser Bereitschaft, alles für das Erwachen zu geben, um das endgültig zu durchschauen.

Samstag, 30. Mai

Die grösste Gefahr ist nicht, dass wir hohe Ziele und Ideale anstreben, und sie verfehlen, sondern dass wir uns zu niedrige Ziele setzen und sie erreichen und uns dann mit dem Interimistischen zufrieden geben, der Banalität des Alltages.
Wenn wir unser eigentlichstes Potenzial unterschätzen, werden wir uns nicht entfalten und notgedrungen unter dem Möglichen leben.

Freitag, 29. Mai

Wir bemühen uns für den Erhalt des Tempels, für seine Instandsetzung, Reinigung und um kleinere Renovationen… Aber nur wenn die Religion den inneren lebendigen Geist der freudvollen Gottesliebe verloren hat, wenn sie verkirchlicht und ver-institutionalisiert ist, der Essenz entzogen – nur dann dreht sich alles nur noch um die Erhaltung und Verteidigung von äusseren Strukturen und Gebäuden.
Es verhält sich ganz genau gleich mit unserem körperlichen Tempel.

Donnerstag, 28. Mai

Im Bhagavatam sagt Krishna zu den Pracetas, dass „wenn meine Geweihten in Freundschaft zusammen dienen“ er augenblicklich bereit ist, alle Segnungen zu geben (4.30.8).
Die Segnung Gottes darf man aber nie als deckungsgleich mit Erfolg in der Welt oder mit Gelingen gleichsetzen. Das wäre die Verflachung. Seine Segnung führt immer zu Rati, vertieftem Absorptionsvermögen zum göttlichen Paar hin.

Mittwoch, 27. Mai

Oh mein Herr, immer nur wieder kann ich über deine Geweihten staunen.
Ihr Geist sucht ständig nur dich.
Ihre gesamte Aufmerksamkeit ist nur darauf gerichtet, über dich zu sprechen, dich zu erfreuen und zu überraschen. Darin ist ihnen die Beschäftigung um eigene Befreiung und Erleichterung von Beschwerlichkeiten gänzlich unbedeutend geworden. Die einzige Errungenschaft, um die sie flehen und weinen ist liebender Dienst zu deinen Füssen.

Obwohl diesen Geweihten alles Schöne und Grossartige in der materiellen Welt angeboten wird, ist ihnen all dies gleichgültig, da ihre Aufmerksamkeit einzig und allein auf den wunderbaren Herrn von Vraja gerichtet ist.
(Bhagavatam 3.4.15)

Dienstag, 26. Mai

Manchmal hat man die Tendenz, der Beschwerlichkeit und Trägheit der Welt zu entkommen und in einen stillen Raum eintreten zu wollen. Das ist eine Isolationsruhe.
Der Wunsch, die persönliche Ruhe erfahren zu wollen, hat noch nichts mit Gottesliebe zu tun.
Man darf die Tendenz des Egos genau betrachten, in der Abgrenzung einfach nur Erleichterung zu suchen.
Krishna wird einem aber in Situationen führen, die aus der Warte des Egos nach Angriffen aussehen, in Wirklichkeit jedoch Angebote des Loslassens sind. Wenn ich es wage, loszulassen, wird die unbeschreibliche innere Liebe Gottes wieder im Herzen wieder wahrnehmbar.