Donnerstag, 14. November

Fast jeder Mensch hat Anhaftungen und Tendenzen in sich, die viel Energien in sich binden.
Man braucht aber nicht zuviel Zeit zu verlieren, nur gegen alte Gewohnheiten anzugehen oder gegen Wünsche zu kämpfen.
Wenn man sich wieder als die reine Wahrnehmung erkennt und dies durch meditative Praxis auch erfährt, fällt natürlicherweise Vieles weg, ohne dass man dagegen in einen Kampf zu treten bräuchte. Denn es ist jeweils die Gegenbewegung, welche dem Bekämpften einen Realitätsgehalt zuspricht, welcher dieses gar nicht innehat.

Mit grösster Selbstverständlichkeit sage ich: „Ich bin heute früh aufgewacht!“, „Ich atme“
Obwohl dies Abläufe sind, die ohne das eigene Zutun geschehen.
Wenn „ich“ atmen würde, dann könnte es ja gut sein, dass ich es nicht mit grösster Regelmässigkeit 25000 Mal pro Tag tue und es auch manchmal ein paar Minuten lang vergesse…
Sage ich auch: „Ich schlage mein Herz?“ Auch Gedanken-Stränge steigen ohne eigenes Dazutun auf.
Wenn man sich gewahr ist, dass man diese selber gar nicht generiert und das „ich“, welches sich immer als Hauptakteur auf dieser Weltbühne behauptet hatte, daraus heraus nimmt, vermag man mit Leichtigkeit auch dem Handlungsimpuls, der auf einen von aussen hereindringt, zu widerstehen und einen anderen, wirklich gewählten Lebensweg zu begehen.
Nur in der völligen Verschmelzung des Ichs mit jedem Wunsches-Impuls geschah die Auslieferung an diesen.

Mittwoch, 13. November

Wenn jemand an einer langwierigen Erkältung erkrankt, geht sein tägliches Leben dennoch in leicht geänderter Form weiter. Er wird arbeiten, kochen, essen und viele Begegnungen und sozialen Austausch haben.
Der Hintergrund all dessen ist aber der Erkältungs-Zustand, welcher diese Lebensphase prägt.
In ähnlicher Weise wird die Gottesbeziehung, die sich wirklich im Herzen etabliert, zur Grundlage jeder anderen Aktivität. Man nimmt die spielerische Interaktion der fünf Elemente (alles Geschehen dieser Welt) nicht mehr als Haupt-Attraktion wahr, auf welche sich die Aufmerksamkeit zu beziehen hat.
Hinter allem, hinter jedem Atemzug und jeder Geburt und jedem Tod pocht die Liebe zu Radha-Krishna, dich einem wirklich anzieht.
Das ist ein Zustand, der nicht die Welt und ihr Sosein ablehnt, sondern diese durchdringt mit einer neu erwachten Faszination. Jedes zersplitterte Geschehnis wird nun geeint, da es aus der Perspektive des Urgrundes von Allem, von Radha-Krishna aus, gesehen wird.

Dienstag, 12. November

Die Auflösung der Dominanz eines Geschlechtes über das andere stellt eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit dar. Denn solange im Zwischenmenschlichen noch Macht-Verhältnisse herrschen, wird die Einheit hinter den Geschlechtern verborgen bleiben.
Der Zustand gereifter Bhakti in unserer Zeit inspiriert sich vom gegenseitigen Miteinander und nicht von ausgedienten Rollenmodellen patriarchalischer Zeiten.

Montag, 11. November

Jeder Innenweg wird einem an Herausforderungen führen, die eine grosse Erschütterung darstellen können. Alle bisherigen Anschauungen mögen zusammenbrechen; man mag durch eine Wüste von Traurigkeit gehen oder man wird einen Fluchtimpuls wahrnehmen von einer Intensität, die man noch nicht kannte. Und manchmal erfährt man impulsive Freuden…. in allem ist man eingeladen, beharrlich zu bleiben und still weiterzuschreiten.
Seit Tausenden von Jahren kommen Menschen zusammen, um Fragen nach der letztlichen Existenz, nach dem Wahren, zu suchen.
Auf der gleichen Erde und unter dem gleichen Himmel haben unzählige Seelen den Pfad der Unsterblichkeit (dharma-amrita – Bhagavad Gita 12.20) beschritten.
Es liegt nun an uns, diesen Erfahrungsweg mit aller Aufrichtigkeit zu begehen. Das bedeutet, nicht nur in Dankbarkeit und Wertschätzung zurück zu schauen zu den Heiligen der Vergangenheit, sondern effektiv auf neue Einsichten und Einblicke hinzuschreiten, die noch nie zuvor existierten. Alles darf immer wieder gänzlich frisch betrachtet werden mit Augen, die nicht in der Zeit geboren sind.
Schlägt der Puls meiner gesamten Existenz wirklich darum, die Wahrheit zu finden?

Selbstverwirklichung ist nicht ein machender oder kreierender Prozess, sondern ein Entdecken. Die eigentliche Identität der Seele ist nur scheinbar versteckt von der aufrecht erhaltenen Idee, wer wir zu sein glauben. Sie ist verborgen von der Vorstellung, was unsere Identität sei. Diese falsche Sichtweise ist die direkte Folge unserer Gleichgültigkeit zu Gott.
Sadhusanga schafft den Raum, in dem die Entdeckung und die Anerkennung geschehen darf.

Das Wahre wird nicht in ein paar Worten oder ein paar gemachten Bildern vermittelt.
Es hat eine gewaltige Konsequenz. Einige, die es geschaut hatten, haben nur noch gelacht… andere sind nur noch in ekstatisches Weinen versunken, während wieder andere ganz still blieben.
Die Bereitschaft, sich auf die gesamte Konsequenz einlassen, vermag den Zugang zum Geschenk zu öffnen.

Sonntag, 10. November

Viksipta, innere Verzettelung und Ablenkung lässt einem die gehörte Information nur sehr verzerrt wahrnehmen. Ein solch zerstreutes Hören vermag nie zu einer Verwirklichung führen.
Stitho smi (Bhagavad Gita 18.73) – Die Verankerung im Selbst in gebündelter Aufmerksamkeit und Einpümktigkeit des Bewusstseins lässt einem erst wirklich zuhören. Dann beginnen die heiligen Texte, die ja nur verdichtete Verwirklichung sind, in aller Klarheit zu einem zu sprechen.
Im Caitanya Caritamrita (1.2.117) wird erklärt, wie diese Aufmerksamkeits-Bündelung in uns geschehen kann:

„Ein aufrichtiger Student der Wahrheit soll in seinem Bewusstsein nie faul und nachlässig sein, die Perspektive der Wahrheit (siddhanta) zu studieren und aufzunehmen.
Denn die Reflektion davon stärkt den Geist und lässt ihn gänzlich in Krishna verankert sein.“

Samstag, 9. November

Ich schwimme im Fluss des Todes und jeder Tag, der vorbei ging, wird nie wieder zurück kommen.
Ich leide aufgrund meiner eigenen Anhaftungen. Das möchte ich nun vor Dir zugeben.
Aber schenke mir dennoch in allen Situationen, die ich selber ausgelöst hatte, die Qualifikation, Dir zu dienen und mich an Dich zu erinnern.

Freitag, 8. November

Ich als Seele habe die Kraft zu wählen, aber nicht auszuführen. Die Realisierungskraft liegt immer in Gott selber.
Ich bin nicht Bewegende, sondern werde bewegt. Er ist der Beweger der gesamten materiellen Energie.
Ich bin nicht der Kontrollierende, sondern diejenige, die gelenkt wird.
Ich bin nicht die Handelnde, sondern darf als Instrument zur Verfügung sein.
Deshalb betrachtet der Bhakta jedes Geschehen im Leben, auch wenn es gänzlich entgegen der eigenen Vorstellung von Bequemlichkeit verläuft, als die spezielle Gnade des Herrn.

Deshalb lebt der Bhakta nicht primär in Beziehung zur Umwelt und Mitmenschen, sondern hauptsächlich im Austausch mit Radha-Krishna.
Martin Luther King meinte einmal:
Heute gibt es so viel zu tun. Das bedeutet, dass ich mehr Zeit im Gebet verbringen möchte. Denn dies ist der Ausdruck der Anerkennung von Krishna als wesentlich Handelndem.

Donnerstag, 7. November

Nach einer grösseren inneren Öffnung werden immer auch Gegenbewegungen wahrzunehmen sein. Jedem Schritt zur Hingabe folgt auch das Aufbegehren des alten Systems in einem drin, welches die Zuwendung zu Radha Krishna als Anmassung empfindet.
Kaum geschieht die Weitung des eigenen Selbstempfindens, schlägt das Imperium des Kleinen zurück und will die engen Grenzen wahren. Man begegnet dem Erhabenen; kann es noch nicht in Worte fassen, aber berührt es.. und im nächsten Atemzug kommt das Desinteresse, die Gleichgültigkeit der Wahrheit gegenüber.

Man muss sich doch zumindest erschüttern lassen, dass so ein Mechanismus überhaupt wirkt und dass man ihn aktiv zulässt. Er ist das Symptom des Desinteresses am Wirklichen – am Selbst und an Gott. Diesem Vergessen-Wollen muss man sich stellen und es genau betrachten. Die Ohnmacht, die Hilflosigkeit und anderen Opferhaltungen – die Ausreden der Vermeidung von Verantwortung – erübrigen sich dann augenblicklich.
Die Folge dieses Desinteresses ist ein beiläufiges Leben, das sich nur noch mit Lapidarem auseinandersetzt. Es stellt den tamasischen Urgrund dar.
Das brennende Interesse hingegen stellt die Grundvoraussetzung des Weges dar. Wenn ich wirklich interessiert bin, dann arrangiert Krishna augenblicklich die Weiterführung und man darf empfangen. Alle Trennungen und Dualitäten schmelzen dann dahin, da Krishna durch alles hindurch zu wirken beginnt.