26. November 2020

Der Erwachungsweg birgt eine grosse Verheissung in sich: Dass es in jedem Menschen einen gänzlich freien, glückseligen und ungeprägten Zustand gibt, der gänzlich unberührt von der Welt ist.

Dieser stille Zustand ist der Zustand des wahren Wesens und gilt als Ausgangspunkt für eine Gottes-Suche.

Der Weg vermag das Versprechen zu halten. Doch vermögen nur wenige Seelen dies vor sich selbst zu halten. Damit man selber diesen Weg mit Würde beschreiten kann, um dem Versprechen des Weges entsprechen zu dürfen, bedarf es eines wachen Unterscheidungsvermögens.

„Zwei Seelen, ach, in meiner Brust“ (Goethes Faust)

Der innere Weg unterscheidet tatsächlich von zwei konkurrierenden Systemen in uns drin, die ein gewöhnlicher Mensch nicht voneinander unterscheiden kann und eben auch oft Begeher des Innenweges nur mangelhaft unterscheiden. Es geht um die Unterscheidung zwischen Ich und Nicht-Ich, zwischen Identität und Identifikation.

Es kommt dem alten gewohnheitsmässigen System einer Anmassung nahe, dass alles, was man für sein Selbst hielt – die eigenen Gedanken, die eigene Meinung, die Gefühle, die Empfindungen – nicht einmal in Berührung mit der darunterliegenden wahren Identität stehen.

Aus dieser ständig gelebten Unterscheidung wird eine Dis-Identifikation bewirkt, die den eigenen Innenraum weitet, damit man erst fähig wird, die Verheissung des Weges wirklich zu einer eigenen Erfahrung werden zu lassen.

25. November 2020

Es ist immer eine zwiespältige Angelegenheit, einen Vortrag über ein spirituelles Thema zu hören oder sich mit spiritueller Literatur zu befassen. Es liegt an der Tendenz, dass wir eine alte Gewohnheit haben, Dinge mit dem Verstand aufzunehmen und somit gravierenderweise verzerren.

Die Empfehlung ist daher, in einem wachen Zustand von Entspanntheit sich vor Radha-Krishna und dem Heiligen, der da vermitteln möchte, zu verneigen und Dingen, denen man im Augenblick mental nicht ganz folgen kann, einfach wieder vorbei ziehen zu lassen.

24. November 2020

Bei hoher Achtsamkeit für das Leben und jedes Geschehen und jedes Sein, wird scheinbar Gewohntes und Einfaches zu etwas Besonderem. Durch diese Übung und dieses Bewusstsein entsteht eine Haltung der Dankbarkeit für das, was Leben ist und was uns in diesem Zeitfenster geschenkt werden möchte. Dankbarkeit wiederum erzeugt Aufmerksamkeit und Warmherzigkeit als Grund-Haltung, die zur Zufriedenheit und Freude führen.

Erst der freudvoll Zufriedene vermag sich auf eine Gottsuche zu begeben, welche nicht mehr vom Eigeninteresse instrumentalisiert und dadurch geschwächt wird.

Was ich mit meinem uneingeschränkten inneren Ja tue, mache ich mit Hingabe. Dies führt zu persönlicher Erfüllung und ich brauche dann keine Belohnung oder Entlohnung mehr dafür. Was ich aber ohne die innere Zustimmung mache, ist Hergabe. Sich für längere Zeit für „etwas hergeben“, heißt, gegen eigene Werte zu leben, was zu (Sinn-)Leere, Unzufriedenheit und Wertverlust führt.

23. November 2020

Existenz ist nicht ein Hindarben und Warten auf das Vergehen, sondern ein sinnvolles, in Freiheit und Verantwortung gestaltetes Leben. Es erfordert die Herstellung einer inneren und äußeren dialogischen Offenheit.

Viktor Frankl bezeichnete die Umkehrung der Frage „Was ist der Sinn des Lebens“ als Existenzielle Wende. Nicht wir als Menschen haben einen Anspruch, dem Leben selbst Fragen zu stellen (und damit nach dem Sinn des Lebens…), sondern das Leben stellt die Fragen an uns im Sinne von Herausforderungen. Unsere Freiheit besteht darin, dem Leben auf diese Fragen zu antworten, Stellung zu beziehen, Ver-Antwortung zu übernehmen.

Um zu einem ganzheitlichen WOLLEN (Sinn) zu kommen, dürfen wir uns laufend unseren persönlichen existenziellen Fragen stellen und darauf Antworten geben (Ver-Antwortung tragen). Fragen wie:

Was sind derzeit die existenziellen Themen im meinem Leben? Was bringt Leben in mein Leben?
Was mache ich mit Hingabe und wofür gebe ich mich her? Welche Rolle spielt das Sollen in meinem Leben?

Welche Werte sind mir wichtig?
Was hat zur Stärkung meines Selbstwerts beigetragen?
Welche Reaktionen kenne ich von mir selbst, wenn eine Grundmotivation f

Samstag, 21. November

Es sind nicht die Dinge, die Beschwerlichkeit generieren, sondern immer nur unsere Anhaftung und Vorstellung von ihnen. Unser Dasein als Mensch mit Fehlern und Schwächen in dieser Welt ist nicht unerträglich. Das Unerträgliche ist nur die Identifikation damit.
Wenn man wieder einmal ins Elternhaus geht und die Mutter da einem bei seinem Namen ruft, wäre es aufgesetzt und übergestülpt, zu antworten: „Sprich mich nicht damit an, sondern nur als „unberührte unvergängliche Seele“.
Eine innere Verwirklichung wird im Frieden sein mit der alten Konditionierung in der Welt…
Man kennt noch alles und kann wunderbar mit der Welt umgehen und zur gleichen Zeit erlebt man sich konstant jenseits allen Geschehens.
Bis hin zu den ganz grossen spirituellen Einblicken wird man von der irdischen Sphäre und der praktischen notwendigen Tätigkeiten in dieser nicht entrückt.

Freitag, 20. November

Wenn man den Kontakt zur bedingten Natur verliert, denkt die alte Struktur, dass man etwas Wesentliches verlieren würde. Die Zurückhaltung vor der wirklichen Hingabe hat ihren Grund im Glauben, dass unsere Identität und Autonomie verloren gehen würde, wenn man sich wirklich in die Bhakti einlassen würde. Dies ist wahrscheinlich das fundamentalste Missverstehen.
Wenn man die Kleinheit und Eingeschränktheit im Identifikations-Feld der Vergänglichkeit nicht mehr als seinen eigentlichen Zustand betrachtet, wird ein ursprünglicher Impuls zur unbändigen Lebendigkeit geboren, welcher die Voraussetzung für die freudige Hingabe darstellt.

Donnerstag, 19. November

Serendipität bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist. So wie Kolumbus Amerika oder ein amerikanischer Teehändler den Teebeutel entdeckte. Die Seele auf dem Ergebungsweg darf diese Erfahrung immer wieder neu erleben.
Obwohl alle heiligen Texte eine Ahnung Gottes vermitteln ist dann das Begehen des Gottesbegegnungs-Weges doch ständig eine grosse Überraschung. Man denkt auf Schritt und Tritt, dass das liebende Gegenüber so niemals von einem hätte gesucht werden können, da es so gänzlich anders ist als alle irdischen Vorstellungen es hätten umschreiben können.

Mittwoch, 18. November

Durch das konzentrierte und einpünktige Verweilen bei der Klangschwingung des Mantra erweckt es sich von innen her und die Aufmerksamkeit darf in das Mantra hineinbrechen.
Man wird effektiv absorbiert. Wenn man die Augen wieder öffnet, ist alles gesagt und getan.

Es fühlt sich zumindest so an, als ob es keinen Grund mehr gäbe, aufzustehen, um irgendetwas zu erreichen, erlangen oder erledigen. In dieser Stimmung begegnet man wieder der alten Welt von Familie, Arbeit… eben der kleinen begrenzten Ich-Welt. Die gänzliche Exkarnation soll nicht in die Entrückung von der Welt hinführen, sondern in die freudvolle Inkarnation.
Inmitten von allem Alltäglichem sieht man das Absolute hindurchschimmern und mehr und mehr jede Bewegung in der Welt durchdringen. Das ist die „Durch-Liebung“ (Amorisation) der äusseren Welt.
Prthak-bhav bedeutet, die Perspektive der Getrenntheit. Man betrachtet die Welt und ihre Abläufe als getrennt von Krishnas Führung und allgütiger Lenkung. Dann denkt man, dass die Welt ein zufälliges Chaos darstelle, das sich ohne jegliche Bedeutung oder Absicht bewege…Die Erde erscheint dann als kleiner Ball, der sich einfach sinnlos und planlos um die eigene Achse und um die Sonne herum dreht.

Advaita, Nichtdualität, bedeutet nicht, dass man künstlich versucht, die Vielfalt einzuschmelzen, sondern dass man in der Gewahrwerdung lebt, dass es keine svatantra-vastu, kein von Gott unabhängiges Geschehen gibt.

Dienstag, 17. November

Es gibt im inneren Leben eine wesentliche Unterscheidung zu treffen zwischen dem Desinteresse und der Erholungsphase. Die Differenzierung ist wesentlich, da sich die beiden äusserlich sehr ähnlich sind. Ein Acker muss immer wieder einmal brach liegen, um sich zu regenerieren. Das Brachliegen bereitet das Land ja auf grössere Fruchtbarkeit vor.
So braucht es auch Rückzugszeiten, in welchen man das Aufgenommene verarbeitet, reflektiert und auch tief in sich als das Ureigene verankert. Für die Vertiefung ist die Pausenzeit immer wieder notwendig.
Aber es gibt schon auch die Trägheit und die Indifferenz, die letztlich ein Symptom unserer Grunderkrankung sind… der bahirmukhata – der Ausblendung der Beziehung zu Radha-Krishna… zu denen doch alles in der gesamten Existenz in engster Verbindung steht.

Montag, 16. November

Auf dem Weg der Hingabe zu Radha-Krishna gibt es kein Endpunkt, obwohl jeder kleine Schritt sich schon wie ein letztliches Ankommen und Heimkommen anfühlt. Jedes Geschehnis wird einfach nur zum Anlass, sich weiter in Sie fallen zu lassen, aufrichtiger bei Ihnen Zuflucht zu nehmen.