Donnerstag, 23. Januar

Es ist recht selten, dass innere Intensität mit der Stimmung radikaler Freiheit einhergehen darf. Denn wenn nur die Intensität gelebt wird, führt es schnell in den Fanatismus. Und wenn die Freiheit alleine dasteht ohne den dringlichen Ruf zu hören, bleibt eine Orientierungslosigkeit übrig, die aus der Vernachlässigung der eigentlichsten Seelenaufgabe herrührt.
Der Mut zum Eigenen enthebt einem von der Anpassungssehnsucht, der Korrelation mit der Masse. Und in dieser Stimmung des Zurückgeworfenwerdens auf sich selber darf man sich auch bereichern lassen von den Mitgefährten auf dem Weg, von der Sangha.

Mittwoch, 22. Januar

Es gibt kein einziges Phänomen in der materiellen Welt, welches ausschliesslich in der gefälschten Form vorliegt, welches also nur Täuschung darstellen würde.
Jede Erscheinung trägt das Potenzial des Hinweises auf Radha-Krishna in sich.
Dann beginnt alles transparent zu werden.
Es hätte enormen Kraftaufwand gekostet, die allem zu Grunde liegende Wirklichkeit auszuschliessen und die Aufmerksamkeit nur noch auf die Phänomene gerichtet zu halten.
Sri Krishna hilft einem aber selbst darin und schenkt einer solchen Seele die Schau der Ausblendung seiner selbst.
Wenn die Seele gleichgültig zu Krishna sein möchte, schenkt Krishna ihr die Ausblendung seiner selbst.
Denn von sich aus könnte die Seele den Allgegenwärtigen und Alldurchdringenden niemals umgehen.
Dass Krishna der Seele so etwas ermöglicht, zeugt von seiner grossen Weitherzigkeit und seiner ungeheuren Achtung vor der Freiwilligkeit der Liebe und der Zuwendung zu ihm hin. Der Pfad der Hingabe schenkt einem eben das entgegengesetzte Blickfeld: die  inhärente Verbindung eines jeden Ding mit Krishna. Dieser Blickwinkel schenkt einem die Leichtigkeit zurück, welche in der Wirklichkeit natürlicherweise existiert.

Dienstag, 21. Januar

Meditation ist die eigene Bewegung zur Kongruenz mit der Wirklichkeit hin. Die erste Frage der Meditation ist deshalb immer: Was ist die Wirklichkeit.
Wenn die letzte Realität einfach nur als latente Energie verstanden wird, braucht man einfach in die Stille zu gehen und damit in die Disidentifikation mit der Täuschung aller Formen und ihrer Interrelationen. Doch wenn die letztliche Wirklichkeit als Liebe verstanden wird – der Austausch der ewig individuellen Seele mit dem Gegenüber Gottes – dann ist Meditation mehr als nur der Zustand von Friede. Dann ist sie ein Bereit-Erklären zum Einlassen in die Gottes-Beziehung. Das ist genau, was die Bhaktas unter japa, der Anflehung Gottes in Gestalt seiner Namen, verstehen.

Montag, 20. Januar

Alles Glück, das man erhalten kann aus den Andockpunkten wie Gesellschaft, Freundschaft, Familie, geliebten Menschen und Partnern, wird mit einem Tropfen Wasser in der brennenden Hitze inmitten einer Wüste verglichen.
Es ist zwar Wasser, aber dennoch wird es niemals den Durst stillen können.
Das Lebewesen erfährt in der materiellen Welt eine Luftspiegelung von dem Glück, nachdem es sucht. Und je mehr man die Hoffnung nach Erfüllung auf diese Spiegelung reduziert, desto stärker wird man die existenzielle Leere darin wahrnehmen.
Die Seele sucht nach dem grenzenlosen Ozean – Sri Sri Radha Krishna und kann sich mit den Wassertröpfchen der Fata Morgana zufrieden geben.
(Srimad Bhagavatam 5.13.5 ff).

Samstag, 18. Januar

Die Orientierung an Glaubensmustern, an die man gar nicht wirklich glaubt, das heisst die man weder erfahren noch ein inneres Echo dafür erlebt hatte, führt zu einer Selbstentfremdung. Denn sie bewirkt dann weiter ein Festhalten an Konzepten und eine starke Verteidigungshaltung, da schnell alles zur Bedrohung wird. Diese Struktur wird im einer säkularen und atheistischen Kultur eine Befreiung und Erleichterung erfahren.
Der wahre innere Weg achtet darauf, nicht mit einem religiösen Überbau die Empfindlichkeit für die innerste Wahrnehmung zuzumauern.

Freitag, 17. Januar

In der Betrachtung von inneren Eigenschaften, die förderlich für den inneren Weg sind (wie Demut, Gelassenheit, Toleranz etc), gibt es einerseits eine authentische Qualität davon und andererseits auch die Gefahr der Imitation. Wenn die moralische Seite, also die direkte Verhaltensnorm, stark betont wird, erhöht man dadurch die Wahrscheinlichkeit zur Imitation.
Deshalb geht es den Bhaktas immer primär um die grundlegende Seelenhaltung in Beziehung zu Radha Krishna, denn aus dieser heraus erwächst dann natürlicherweise ein Verhalten, das dann durchdrungen ist von einer inneren Haltung und nicht mehr aufgesetzt ist.