Sonntag, 15. September

Dag Hammarskjöld schreibt, als er zum Posten des UNO-Generalsekretärs, des höchsten Beamten der Welt, berufen wird: „Nicht ich, sondern Gott in mir.“ (Zeichen am Weg. Das spirituelle Tagebuch des UN-Generalsekretärs)
Weltliche Macht verliert alle Faszinationskraft, wenn die effektiv wirkende Instanz anerkannt und freudvoll gesehen wird.
„Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes. “ (Lukas 9,62).
Wenn man sich selber für den Kontrollierenden und Handelnden sieht, glaubt man natürlicherweise auch, Anspruch auf das Resultat der eigenen Bemühung zu beanspruchen.
In der Schau auf ihn als den wirklich Handelnden erübrigt sich der kleinliche Lohn seines Eigenmühens, und jedes Tun wird zu einer Weihehandlung für ihn – in unendlicher Leichtigkeit.

Samstag, 14. September

Die konstante Bewegung im Sichtbaren und Verwertbaren macht den Lärm aus. Erst in der Stille beginnt das Transzendente und Zweckfreie wieder zart aufzutauchen, denn es setzt sich nicht gewalttätig gegen das lärmig Aufdringliche durch. Man braucht dafür einen Schritt zurück zu treten.
Es ist paradox: Wir sehnen uns nach der Stille, aber wir haben gleichzeitig Angst vor ihr. Und das hat seinen Grund: „Offenbar fehlt uns das Vertrauen, dass in der Tiefe unserer selbst noch etwas übrig bleibt, wenn mal nichts von aussen andrängt und wenn keinerlei Sinnesimpulse mehr auf uns einströmen. So flüchten wir uns gerne in die Umtriebigkeit und sinnlose Geschwätzigkeit. Die Angst vor der Stille ist ein gefährlicher Unruhestifter.
Die Stille ist ein scheues Reh. Von alleine kommt sie nicht. Um sich immer wieder zu einem „Rendezvous mit der Stille“ zu verabreden, kann es deshalb hilfreich sein, wenn wir in unseren Terminkalender ab und zu mal eintragen: „Stille“. Und wenn dann jemand fragt: „Wollen wir an diesem Tag etwas unternehmen?“, sollten wir auch konsequent sagen: „Nein, da hab ich schon was vor.“

Freitag, 13. September

Gott begleitet jede Seele seit unzähligen Leben von innen aus. Doch bleibt sein absolutes Wesen verborgen und seine Gestalt unsichtbar. Man mag die Gewissheit seiner Existenz haben, aber nicht eine Einsicht in seine spezifische Natur. Im brennenden Wunsch, nicht nur über seine Existenz zu ahnen, sondern ihm direkt von Angesicht zu Angesicht gegenüber zu stehen, beginnt sich die innere Führung im Aussen zu konkretisieren in Gestalt des Lehrers und spiritueller Gemeinschaft, die einem vertrauliche Einblicke in das Wesen Gottes und seines lila offenbaren.

Donnerstag, 12. September

Bei so vielen Menschen, die ich im Abschieds- und Sterbeprozess begleitet hatte, beobachtete ich, wie die genaue Betrachtung der Vergänglichkeit und die Verankerung in der individuellen Seele und ihrer Gottesbeziehung ungemein viel heilender wirkt als das „Widerstand-Leisten“, das sich speziell im „Wiedersehen-Wollen“ ausdrückt.
Wenn ich irgend eine Seele als meinen Partner, meine Mutter, meinen Vater, meinen Geliebten oder mein Kind betrachte, dann sehe ich mit Sicherheit nicht ihre wahre Natur, sondern meine eigene Hoffnung und Projektion, die ich auf dieses Gegenüber übertragen habe.
Gemäss allen Yoga-Texten beginnt echte Liebe in samatva, in der Sicht der Gleicheit aller Seelen, die man präferenzlos einfach nur liebt. Wenn man Wasser auf eine Fläche ausschüttet, dann bilden sich auch nicht Erhöhungen an einigen Stellen. Es verteilt sich gleichmässig überall hin.
Eine Bevorzugung einer Seele zu irgendeiner anderen Seele zu haben, stellt genau eine solch künstliche Erhöhung eines Wasserberges dar. Man nennt dies dann eigentlich nicht Liebe, sondern Verhaftung.

Mittwoch, 11. September

Je nachdem, wo man sich in den Gunas platziert, schenkt einem Paramatma ein gänzlich anderes Set von Gedanken und Wünschen, eine dementsprechende Weltschau. Diese Gedankenstränge und Wünsche wählen wir uns nicht frei, sondern sie werden einem gegeben. Dies genau zu beobachten ist eine der ersten meditativen Erfahrungen und bewirkt eine grosse Leichtigkeit. Denn das, was einem von aussen her zugespielt wird, konstituiert nicht unser wesentlichstes Sein. Doch unsere Platzierung, d.h. wie wir uns selber und diese Welt gerade verstehen möchten und wie wir uns ausrichten, ist eine Wahl, die wir in jedem Augenblick treffen. Zumeist unbewusst.
Das Wunderbare ist, dass die alte Spur dessen, was wir in unserer Vergangenheit gewählt haben, also die Umgebung und Geformtheit der eigenen Bedingtheit, durch die spirituelle Praxis bleiben wird. Die heilige Praxis zielt also nicht auf Veränderung der alten karma-Spur. Aber ein gänzlich anderes Bewusstsein, eine völlig andere Motivation, kann uns in diesem Rahmen drin antreiben. Die alte Welt bleibt bestehen und genau in dieser drin verehren wir dann Radha Krishna. Diese Freiheit steht jedem Mensch zu jeder Zeit zu und wird ungeahnte Unterstützung von Krishna auslösen. Diese Haltung wird uns transparent machen, um den effektiven Wunsch Radha-Krishnas von uns… den seva in Vrindavan, zu erahnen.
Wenn man die spirituelle Praxis als Weg versteht, die gegebenen Umstände zu verändern, bleibt man in einem Krieg verstrickt und wird die einem gegeben Wahlmöglichkeit nicht mehr wahrhaben können.

Dienstag, 10. September

Ein traumloser Zustand, welcher durch eine vollständige Loslösung und Disidentifikation von Allem erzeugt wird, ist noch lange nicht das Ziel dessen, auf das alle Veden verweisen. Diese Befindlichkeit jenseits aller Vergänglichkeit ist erst die Basis, auf welcher sich die transzendentale Glückseligkeit des Liebes-Verhältnisses mit Krishna entwickeln darf.
Bleibt man aber in diesem traumlosen, gedankenlosen stillen Raum stehen, in welchem sich keine Bewusstseinsbewegungen mehr regen, verweilt man in der grundlegendsten Verneinung, die möglich ist. Doch wenn man diesen nicht erlebt, und diese Basis der Stille umgehen möchte, bleibt man in einer projektiven Gottesvorstellung stecken.

Montag, 9. September

Bhaktivinoda Ṭhakura erklärt im Jaiva Dharma (Kapitel 2), dass einige Unterweisungen der Heiligen und der Schriften nur tat-kalika (für eine bestimmte Zeitperiode in der Historie und in einem bestimmten geographischen Umfeld geltend) und andere wiederum sarva-kalika sind (zu allen Zeiten und Orten anwendbar).
Diese Unterscheidung ist wegweisend und fundamental wichtig.
Zum Beispiel die Anweisung des Bhagavatam (7.12.4), dass ein Brahmacari in einem Reh-Fell und einem Stroh-Umhang gekleidet sein soll, ist tat-kalik. Doch Krishnas liebevolle Einladung zur konstanten Absorption in ihn (Bhagavad Gita 8.14), ist sarva-kalik. Es bedarf der genauen Unterscheidung zwischen unveränderlichen Grundprinzipien und zu variierenden Details. Jede Aussage der Schriften soll dementsprechend betrachtet werden, da man sonst unwesentliche Nebenaspekte für Wesentlich hält, welche letztlich zu einem Überbau und einer Last werden. Oder man vernachlässigt essenzielle Grundprinzipien, da man in mit Nebenaspekten befangen ist.

Sonntag, 8. September

„Der Verdammte sehnt sich nach dem Paradies. Doch dieses Streben erniedrigt und kompromittiert ihn. Frei sein heisst, sich auf ewig von der Idee der Belohnung lösen, nichts von den Menschen noch den Göttern erwarten, es heisst, nicht nur auf diese Welt und alle Welten verzichten, sondern auf das Heil selbst, es heisst sogar, seine Vorstellung zerbrechen, diese Kette der Ketten.“ (E.M. Cioran)
Diese heilige Hoffnungslosigkeit, in der die Anliegen der eigenen Agenda verschwunden sind und nur noch die eine Sehnsucht nach der Erfreuung Radha-Krishnas übrig bleibt, ist die Wesensnatur reiner Bhakti.

Samstag, 7. September

„Das Wort Vaishnavismus“ meint die ewige und wesensgemässe Stellung einer jeden Seele in Beziehung zu Vishnu, der höchsten und alldurchdringenden Seele. Es ist ein reiner und selbstloser Verehrer des Höchsten.
Doch ein unnatürliches, unerfreuliches und bedauernswertes Verständnis versteht unter diesem Begriff ein Mensch mit zwölf spezifischen Zeichen (Tilak) und eigenartigem äusserlichen Erscheinen (Kleidung). Aus einer solch eingeschränkten Auffassungsgabe heraus erwächst eine Abneigung zu Mitmenschen mit anderem Tilak, anderer Kleidung und anderer Verehrung.“
(Bhaktivinoda Ṭhakura and Bhaktisiddhānta Sarasvatī Ṭhakura in ihrem Buch Vaishnavism and Nam-Bhajan)
In der Bhagavad Gita erklärt Krishna, dass Weisheit nicht aus Indien oder einem geographischen Gebiet stammt, sondern aus sattva-guna (14.6, 14.11, 14.14, 14.17), aus dem Sukriti, das wir im Verlaufe vieler Leben erworben haben (7.28) und durch die Hinwendung an eine verwirklichte Person, welche die Wahrheit direkt sieht (4.34).