Montag, 4. November

In der Essens-Darbietung geht es nicht um ein erfülltes Ritual, sondern um die Erinnerung an Radhe-Syam.
„Ich esse nicht zum Zweck, nur dieser Zunge ein paar angenehme Momente zu schenken. Für viele Leben haben mich die Annehmlichkeits-Impulse, der Wunsch nach Objekten, die den jeweiligen Sinnesorganen gerade genehm erscheinen, durch die unterschiedlichsten Lebensformen hindurch geschleppt.
Äusserlich gesehen esse ich, um diesen Körper, den ich Dir geschenkt habe, als dein Instrument zu erhalten.
In der Freude des Essens aber nehme ich Dich wahr. Du bist Ananda-Svarup, die gänzliche Verkörperung aller Glückseligkeit. Ein winziger Widerschein von Dir erscheint in dieser Welt als die Vorstellung des Geistes, dass wir Sinneserfreuung ersehnen. Wenn Sinne mit Sinnesobjekten zusammenkommen, die man im Geist als angenehm taxiert hatte, dann ist genau dieser Impuls dazu der Schimmer Deiner Selbst.
Wenn ich dich in diesen Impulsmomenten (wie dem Essen) wieder wahrzunehmen vermag, lebe ich den eigentlichen Zweck dieser Schöpfung. Du hast die Welten ja nicht erschaffen, nur um dich dahinter zu verstecken, sondern vorallem, damit die Seele die Hinweise nach Dir in ihr wieder erkennt und nun den Pfad der Faszination (Raga-Bhakti) zu Dir hin beschreitet.
Ich lebe von Dir umgeben. Es ist Deine Schöpfung und es ist auch Deine Fähigkeit, mit der ich mich in ihr herumbewege.
All das, was von dir stammt, schenke ich Dir nun wieder… und mich dazu.“

Sonntag, 3. November

Der lateinische Ausdruck sub specie aeternitatis („unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit“) beschreibt den Zustand des Geistes, der nicht von der Zeitweiligkeit und den vergänglichen Geschehnissen vereinnahmt ist. Da wir selber allem Zeitlichen enthoben sind, kann erst die Ausrichtung auf das Ewige dem Geist die Freiheit von Aufwühlung schenken. Spinoza verwendet diesen Ausdruck, um die Sicht des philosophischen Geistes zu charakterisieren, der eben nicht von den trügerischen vielfältigen Erscheinungen geprägt ist, sondern auf das Eine schaut.

Alle geschichtlichen Ereignisse haben nur eine vorübergehende und am Massstab der Ewigkeit gemessen geringe und im Hinblick auf die kosmischen Ereignisse gesehen begrenzte Bedeutung.
Aus diesem Standpunkt der unendlichen Weite zu leben und dennoch jeder einzelnen Begegnung und jeder Arbeit die allerhöchste Aufmerksamkeit zu schenken, als gäbe es nur diese eine im gesamten Universum – dies stellt die Grundlage für transzendentes Handeln dar.
Auf der einen Seite innerlich absorbiert zu sein im Gewahrsein, dass alles in der Welt perfekt in Gott aufgehoben ist ,und dann mit der grössten Sorgfalt sich in der Welt bemühen, als hinge alles Gutsein von dieser einen Handlung ab.

Samstag, 2. November

Alle religiösen Traditionen, doch spezifisch die indischen, haben einen festen Rahmen von moralischen und sozialen Anschauungen, welche das Verhalten und den Umgang regeln.
Solch kulturelle Vorgaben engen das Leben des Einzelnen aber stark ein.
Der Bereich, der einen nun Bewegungsfreiheit ermöglicht, ist der metaphysische Zugang.
Glasenapp schreibt: „Sucht der Hinduismus mit seinen Vorschriften den Menschen bis ins einzelne zu formen und greift er in alle Details seines persönlichen Lebens ein, so geht er auf dem Gebiete der Transzendenz nicht über die Forderung der Anerkennung einer Weltordnung hinaus und schenkt dem Praktizierenden den weiten freien Raum.“
Dass eine Religion diesen Standpunkt der unendlichen Weite einnehmen kann, hat freilich zur Voraussetzung, dass ihre Bekenner mannigfaltige und divergierende Ansichten entwickelt haben und nicht von dem Bedürfnis, diese anzugleichen und zu uniformieren, beherrscht sind.
Die Voraussetzung zur Integration und Vereinigung von Entgegengesetztem ist die Einsicht, dass diese individuellen Hilfsmittel, die wir „den Weg zur Wahrheit“ nennen, für die Erreichung des Zieles, dessen wahres Wesen über das menschliche Begreifen hinausgeht, ihre Absolutheit verlieren dürfen.

Freitag, 1. November

In der unberührten Natur vermag der Mensch die „vestigia Dei“, die Spur Gottes, wieder zu erfassen. Die Welt von heute ist grossteils so verstellt von der „vestigia hominis“, den menschlichen Spuren in der von ihm selber gestalteten bewohnbaren Welt, dass der Mensch sich darin oft entstellt und isoliert fühlt, wenn er aus der Betäubung erwacht.
Da in unserer überfüllten Welt diese Unberührtheit seltener zu erfahren ist, brauchen wir neue Tore zur Gottes-Spur.
In der spirituellen Praxis findet sich die „vestigia Dei“ in einer noch viel deutlicheren Gestalt wieder, als es sie jungfräuliche Natur schenkt.

Mittwoch, 30. Oktober

sadhane ekhane, siddhi o ekhane
bhaver gocar sei, ekhani jadi ta
dekhila na pao, marile dekhibe ke?
(Padyavali von Paramananda)

„Sadhana wird in dieser Welt ausgeführt. Siddhi (die Perfektion – nämlich die direkte Begegnung mit dem Istha-Deva, der klaren Erkenntnis meiner Beziehung zu ihm und die Schau meiner svarup (meiner ewigen Gestalt der Seele) muss ebenso noch im materiellen Körper in dieser Welt geschehen.
Wenn wir Bhava und die Begegnung mit dem Istha-Deva nicht jetzt in dieser Welt erlangen, glaubt man dann, man würde dies einfach durch das Sterben erhalten?“
(Dann würde man das Sterben zu einem Sadhana machen. Wir sind bereits Millionen von Malen gestorben und alleine dadurch macht man keinen spirituellen Fortschritt).

Dienstag, 29. Oktober

Der Schritt aus der Konformität heraus hin zum wirklich Eigenen stellt gerade auf dem religiösen Weg, der von Vorgaben, Weghinweisen und Warnungen von Devianz überstellt ist, eine Notwendigkeit dar, um zur eigentlichen Individualität und somit zum Aushalten einer religiösen Pluralität zu gelangen. Der Unsichere sucht einfach nur Klarheit und Einheitlichkeit, da ihn die Unterschiedlichekit verwirrt. Erst ein theistisches Integrationsvermögen verschiedenster Ansätze wird der Unendlichkeit Gottes gerecht.

Montag, 28. Oktober

„Ich als Seele kann von keinem Wesen je verletzt oder ausgebeutet werden. Ich bin diese reine Seele, welche diesen grobstofflichen Körper und Gedanken, Emotionen, Weltanschauungen und Selbstwahrnehmungen herumträgt genau so wie ein Mensch verschiedene Schichten von Kleidern trägt. Ich möchte nun eintreten in die Schule der Demut – der Erkenntnis, dass ich als Seele mit dem Stolz und den Einbildungen, welche sich von den Gewändern nähren, keinerlei Verbindung habe.
Erst in der daraus entstandenen Unbeschwertheit vermag ich die heiligen Namen aufrichtig anzurufen.“
 

Sonntag, 27. Oktober

Es ist ganz wesentlich, die menschlichen Verhaltens-Strukturen, die im Umfeld eines spirituellen Lehrers (oder der Lehrerin) entstehen, genau zu beobachten, um nicht in deren Sog zu geraten. Denn die Sehnsucht nach innerem Fortschreiten degradiert sich in dem unausgesprochenen Erwartungsfeld der Schüler allzuschnell in eine Anpassung hinein.

Solche Schüler tragen einen glänzenden Silberblick der Verklärung. Ich glaube, dass viel zuviel Gewicht auf den äusseren Lehrer, auf sein Verghalten und seine Persönlichkeit, gelegt wird. Dann wird nicht nur die innere Schülerschaft vernachlässigt und verliert sich in einem leeren Anhängertum, sondern es entstehen Guru-Groupies, die in der Idealisierung der Persönlichkeit des Guru schwelgen. Anstatt die innere Aufmerksamkeit auf Radha-Krishna zu richten, worin der Lehrer ein wesentliche Führung sein sollte, bleibt man beim Fenster kleben. Ein Fenster, durch das man nicht mehr hindurchsieht, hat aber seinen Zweck verfehlt.

Die Guru-Beziehung kann auch in eine Gottesverdunkelung hineinführen, dann nämlich, wenn die äusserliche Persönlichkeit des Guru verehrt wird und die Aufmerksamkeit nicht mehr auf das hinschaut, worin die verwirklichte Seele verankert ist.

Samstag, 26. Oktober

„Wenn ich die Aufmerksamkeit nicht mehr auf meine eigene Lebensbühne richte und mich da selber als Protagonisten betrachte, sondern auf Euch, Syamaa-Syam, die ihr die Grundlage von aller Existenz seid, dann ist der stille Geist ist die natürliche Folge davon.“
Es war nur die von der vergänglichen Welt gebundene Bewusstseins-Energie, welche alle Unruhe in einem generierte.